„Jana! Schmeiß sofort den Anker rein! Der komplette Antrieb ist ausgefallen!“
Ach du Sch——e, ist wörtlich das erste was mir in den Sinn kommt, als ich meinen Capitano dies von Achtern rufen höre und dazu kommt das unangenehme Gefühl, als würde mein Magen mit einem Fahrstuhl abstürzen…
Gottseidank sind wir schon auf sicherem Grund, sieben Meter über Sand hinter der riesigen Außenmole vom Hafen in Termini Imerese, Sizilien. Der Anker ist auch schon klar, es wären nur noch 200 Meter bis zu unserem geplanten Schlafplatz gewesen. Ich lasse also einfach fallen und sause nach hinten um den Schaden zu überblicken.
Der ist verheerend: nicht nur der Antrieb ist kaputt, sondern auch die gesamte Bordelektronik ist tot. Das 12 Volt System funktioniert und wir haben noch genug Gas und Wasser um erst mal über die Runden zu kommen, das war’s aber auch. Also erst mal tief durchatmen, auf Fehlersuche gehen und den langwierigen Pfad der Instandsetzung beschreiten. Schritt für Schritt.
Aber jetzt erst mal der Reihe nach. Im letzten Blog haben wir ja gerade erst Griechenland verlassen!
Wir sind also auf dem Weg nach Sizilien, der Wind ist uns gewogen und treibt uns, zur rechten Zeit, direkt in die Strasse von Messina hinein. Durch diese Meerenge sollte sich ein Segler nämlich nur wagen, wenn die Strömung richtig steht und die Windbedingungen passen. Schon Odysseus hatte hier mit Skylla und Charybdis gerungen – das wollen wir ganz sicher nicht!
Wir fahren über mehrere Strudel, wo das Wasser regelrecht brodelt. So etwas kennen wir von den Pässen der Südseeatolle, wenn krasse Strömung auf stille Lagunen trifft. Da möchte man nicht zum falschen Zeitpunkt sein!
JaJapami jedoch, kommt gut durch und im letzten Abendlicht fällt der Anker vor dem Strand vom hübschen Ort Skylla. Ein ziemlich ruppiger Schlafplatz, aber wir brauchen immerhin keine Nachtwache zu gehen und am nächsten Morgen ziehen wir gleich um, zu der Bojenmarina auf der anderen Seite des Felsen, auf dem sich Skylla befindet.


Skylla ist ein schnuckeliges, altes Städtchen, auf dieser steiler Felsklippe gebaut. Wir genießen unsere erste original italienische Pizza seit langer Zeit und kraxeln zur Festung hinauf und durch die Oberstadt.








Auf Odysseus Fährte machen wir noch einen Abstecher zu den Aeolischen Inseln. Nach dem Äthna sehen wir nun auch den Stromboli und ankern vor Volcano. Alles riecht hier nach Schwefel, der Berg raucht und dampft und hinter unserem Heck blubbern heiße Quellen im Meer, direkt vor dem Strand. Wir schwimmen natürlich rüber und aalen uns, zusammen mit ein paar wenigen Touristen, in den schwefeligen Whirlpools.



Wieder einmal liegen wir mehr oder weniger zufällig hinter MOLLIE. Das wird, seit Indien, langsam zum running gag! Ein gemeinsames Bierchen wollen wir bis zur nächsten Insel verschieben, aber daraus wird leider nichts…
Wir kommen nämlich am nächsten Tag erst spät dort an und müssen äußerst ungemütlich, zwischen zu vielen Booten, auf ganz schlechtem, felsigen Grund ankern. Dann zieht um 3 Uhr morgens auch noch ein Gewitter auf…
Wir trauen unserem Ankergrund nicht und den Ankern unserer Nachbarn noch weniger. Es hilft alles nichts, wir müssen hier weg! Zum Glück liegt nur um eine Ecke der Insel eine besser geschützte Bucht. Allerdings ist auch hier der Grund übersäht mit Felsen und wir beten dass der Anker im immer heftiger werdenden Wind des Gewitters schnell greift!
„Kette kommt stramm! Anker hält!“
Schnell den Hahnepot, den Festmacher der beide Rümpfe mit der Kette verbindet und die Ankerwinsch entlastet, einklinken und kontrollieren, ob der Abstand zur nahen Felswand und dem Geröll davor groß genug ist. Sieht alles sicher aus. Gut.
Der Wind heult, das Gewittert verzieht sich langsam und wir können endlich wieder ins Bett gehen, während die Pami an der Kette zerrt und tanzt.
Nicht wirklich eine erholsame Nacht, nein nein. Und sie ist auch immer noch nicht zu Ende! In den frühen Morgenstunden gibt es einen heftigen Ruck und ein lautes Zong! Bevor wir auch nur aus dem Bett sind, kommt Paul geflitzt: „Es hörte sich so an als wäre der Hahnepot gerissen!“ Schlauer Junge, aber er schläft auch seit sieben Jahren mit dem Ohr quasi neben dem Anker, da kennt man die Geräusche.
Ganz so schlimm ist es dann nicht. Nur an einem Bug ist der Tampem gleich neben dem Knoten gerissen. Wir hängen immer noch an zwei Punkten und schwingen sicher genug.
Zum wievielten Mal gehen wir diese Nacht zu Bett? Zum dritten Mal?
Am nächsten Morgen ist der Hahnepot schnell repariert und wir machen zügig los. Es ist einfach nicht gemütlich hier.
Die Geräusche, die die Motoren machen werden immer schlimmer, aber wir hatten in der Nacht natürlich keine Chance sie zu schonen. Hoffentlich geht das gut.
Zu dieser Insel waren wir hauptsächlich gefahren, um einen besseren Winkel für die Ansteuerung nach Palermo zu haben. Leider hat das nur bedingt funktioniert und der Schlag wird ziemlich unangenehm. Wir kommen bis Cefalu und beschließen an diesem hübschen Plätzchen eine Pause einzulegen und in Ruhe Michels zehnten Geburtstag zu feiern.


Dann geht es weiter Richtung Palermo und wieder ist die See total konfus und die Windrichtung nervig. Bei Termini Imerese beschließen wir kurzerhand links abzubiegen und die Nacht in Ruhe zu verbringen. Und genau das hat dann ja mal überhaupt nicht geklappt…
Da sind wir also wieder: in einer Bucht in Nordsizilien mit einem Totalausfall des Antriebs. Man mag jetzt sagen: zum Glück ist das nicht in Ägypten passiert! Auch wäre so ziemlich jede andere Bucht in der wir in letzter Zeit waren schlechter „geeignet“ gewesen. Hilft jetzt aber auch nicht weiter. Wir müssen uns selbst helfen.
JD verschwindet mit Messgerät und Laptop im Motorraum. Ich kann nicht viel tun, außer unter Wasser an den Propellern zu rütteln. Backbord ist komplett blockiert. Das war zu erwarten.

Es dauert vier Tage, dann ist das Problem mit der höchsten Priorität identifiziert und eine Lösung in Sicht:
Das Batteriemanagementsystem (BMS) hat einen Elektronikschaden am Kommunikationsmodul durch Überspannung. Und wir haben ein Ersatzmodul BMS an Bord, da mein weiser Gemahl bereits in Tahiti vorgesorgt hat! Wenn es gelingt, die defekte Platine auszutauschen und JD die Einstellungen wieder richtig konfigurieren kann, sollte das System wieder online sein und die Pami wieder Strom haben!
Es funktioniert. JD hat es geschafft. Grossartige Leistung!
Auch der Steuerbordmotor läuft wieder, hört sich aber so ungesund an, das klar ist, dass er nur noch im absoluten Notfall benutzt werden kann.
Natürlich haben wir uns längst über sizilianischen Werften informiert und es bleibt dabei, dass wir unbedingt nach Cartagena, Südspanien wollen. Aber ohne Motoren? Die ganz Strecke alleine auf die Segel angewiesen sein? Wie ankert man denn dann? Oder müssen wir das jetzt an einem Stück abreißen?
Finden wir’s raus! Wir dürfen uns schließlich bald Weltumsegler nennen, an mangelnder Erfahrung wird es bestimmt nicht scheitern! Piece of cake! Haha…


Das erste „Anker auf“ Manöver klappt, dank sehr wenig Wind, völlig problemlos. Wir segeln mit dem Groß zum Anker und holen ihn ein. Am Abend, in der Bucht von Mondello, wagen wir den nächsten Stopp. Geht alles gut, ist aber ganz schön aufregend! JD lernt tatsächlich noch mal einiges über die Segeleigenschaften unseres Bootes – ich gehe bei sowas nicht ans Steuer! Nur mit Groß, ohne Genua, bleibt die Pami auf jeden Fall nicht gut in Position.

Vor San Leo de Capo, unserem nächsten Ankerstopp, stirbt der Wind vier Meilen vor der Bucht. Wir driften hilflos herum. Und nu? Abschleppen mit dem Dinghi? Das haben wir natürlich schon in Erwägung gezogen, aber ich persönlich habe ordentlich Respekt vor diesem Manöver. Hilft aber nichts, probieren müssen wir es, sonst werden wir noch an die Küste getrieben!


JD fährt natürlich die Dicke, ich gehe ins Beiboot, fahre vor und mache das Abschleppseil fest – mit etwas weichen Knien. Vorsichtig lasse ich den Festmacher stramm kommen, gebe langsam mehr Gas und die Pami setzt sich tatsächlich brav in Bewegung. Der Dinghimotor hört sich völlig normal an, keine Überlastung, auch als unser Gespann konstante vier Knoten macht. Den Kurs zu halten ist allerdings für mich überraschend schwierig!
In der einen Stunde, die wir uns abschleppen, muss ich mich gefühlt 60 mal zur Pami rumdrehen und immer wieder den Winkel korrigieren. Anstrengend ist das!
Von hier machen wir uns auf nach Sardinen. Nur 160 Meilen, mit gutem Wind könnten wir das locker an einem Tag schaffen. Daß das nichts wird, ist uns vorher schon klar, denn die Vorhersage ist nicht besonders gut. Nur eine laue Brise weht und wir werden wohl zwei Nächte auf See verbringen müssen, vielleicht auch drei wenn es wirklich dumm läuft.

Tatsächlich sind wir fünf Tage unterwegs! Das Meer ist wie geölt, kein Lüftchen weht, selbst der Wingaker hängt nur schlaff wie ein Vorhang am Mast. Nachts driften wir mit der Strömung sogar rückwärts – es ist echt kaum auszuhalten! Aber wenn ich mich mit diesem Elend jetzt noch länger aufhalte, wird der Blog zehn Seiten lag…, also kurz und knapp: irgendwann sind wir endlich angekommen und werden auch noch freudig erwartet. Das entschädigt für so Einiges!
Wir Ankern vor Cala Porto Giunco und am nächsten Tag kommt uns mein Cousin mit seiner Familie besuchen. Was für ein wunderbares Treffen in dieser schwierigen Zeit! Wir sind sind zwar noch total kaputt von der Überfahrt (Nachtwache muss man auch schieben, wenn kein Wind weht!), aber genießen die zwei Tage sehr!


Sobald das Wetter einigermaßen mitspielt, machen wir uns wieder auf: Kurs Spanien, direkt nach Cartagena liegt an. Diesmal läuft es gut, nach vier Tagen ist Land in Sicht.
Die Jungs sind mittlerweile eine echte Hilfe und machen jeden Abend Nachtwache von 21 Uhr bis Mitternacht! Klar müssen sie uns öfter holen kommen, wenn ein Frachter zu nahe kommt oder der Wind aufbrist, aber in Summe bekommen wir viel mehr Schlaf als nur zu zweit!
Richtig spannend wird es erst, als der Hafen von Cartagena in Sicht kommt! Die Bucht ist tief eingeschnitten und man muss sich in einem großen S um zwei Molen herumschlöngeln, bis man die Marina erreicht hat. Segeln kann man das mit der Pami nur schwerlich und sicherlich nicht bei dem gerade vorherrschenden, ziemlich knackigem Wind. Also ist wieder Dinghi-Schleppen angesagt! Wie gut dass wir schon Übung haben! Segel runter, Dinghi auch, Schleppleine befestigen und los geht’s. Natürlich ist das aufregend, aber letztlich kommen wir bestens durch und auf unseren geschmeidigen Anleger im Schleppverband können wir, glaube ich, richtig stolz sein. Nachdem wir dem Marinero, der unsere Leinen annimmt, erklärt haben, dass wir schon sieben Jahre um die Welt cruisen, murmelt er nur irgendwas wie „deswegen macht ihr sowas so entspannt…“

Noch eine letzte Herausforderung erwartet uns am nächsten Morgen: die Pami muss die hundert Meter Luftlinie von unserem Marinaplatz in den Travel Lift der Werft buchsiert werden! Auch das schaffen wir alleine mit dem Dinghi und der hilfsbereiten Werftmannschaft, ohne eine Schramme zu kassieren! Jetzt sind wir in Sicherheit! Von hier aus werden wir erst wieder mit funktionierenden Motoren starten!

Was für eine Odyssee! Und was alles so möglich ist und was man schaffen kann, wenn es wirklich sein muss!
In Sizilien, als das gesamte System zusammenbrach, dachte ich die Welt geht unter. Mir war richtiggehend übel, weil ich mir nicht vorstellen konnte, wie wir, ohne immense Kosten für Reparaturen, Abschleppen etc, aus dieser Situation wieder herauskommen kommen könnten. Und siehe da, mit viel Mut, Tatkraft und Ausdauer, haben wir auch diese Klippe umschifft. Man man man.
